Projekte und Visionen – Traumhaft oder Alptraum?

Ein japanisches Sprichwort sagt: „Eine Vision ohne Handlung ist ein Tagtraum. Handeln ohne Vision ist ein Alptraum.“ Meiner Meinung nach trifft dies auf jegliches Projektvorhaben zu. Denn die erfolgreichen Projekte unterscheidet von den weniger erfolgreichen unter anderem, ob jemand in der Lage ist, dem Projektteam eine Richtung zu geben.

In der agilen Projektmethodik ist die Produktvision ein zentraler Bestandteil der Projektarbeit. Dies wird in der Praxis leider selten verstanden, und Sinn und Zweck scheinen häufig nicht klar zu sein. Das hat mich bewegt, in diesem Artikel etwas genauer auf diese wichtige Thematik einzugehen:

Die Produktvision dient einem Team als Leitstern wohin die Reise gehen soll. Sie beschreibt ein herausforderndes Ziel, das es zu erreichen gilt. Die Entwicklungsarbeit wird an der Vision ausgerichtet, wobei  sie das Team inspiriert, motiviert und die Kreativität fördert. Daraus lässt sich ableiten, dass die Entwicklung einer Produktvision keine einfache Aufgabe zu sein scheint. Weiterhin sollte sie klar und verständlich formuliert sein, um Missverständnisse und Verwirrung zu vermeiden.

Das Wort Vision ist abgeleitet aus dem lateinischen visio = Sicht, Anblick. Die Vision soll uns erlauben, das zukünftige Produkt zu sehen. Das Ganze ist dann noch prägnant zu verfassen und auf den Punkt zu bringen. Ein Test dafür ist der Elevator Pitch: Während einer Fahrstuhlfahrt von höchstens 30 Sekunden Dauer soll das Produkt erklärt werden und zwar so, dass es die Mitfahrer im Fahrstuhl verstehen und unbedingt haben wollen.

Wie kommt man jetzt aber hin, zu dieser Vision? Was sollte sie beinhalten?

Bevor die Vision entwickelt werden kann, ist es essentiell, dass man sich Gedanken über folgende Fragen macht:

  • Wer wird das Produkt benötigen? Wie sieht der Zielkunde aus?
  • Welche Kundenbedürfnisse soll das Produkt befriedigen?
  • Welche Produktattribute sind unbedingt notwendig, um die Kundenbedürfnisse zu befriedigen und damit essentiell für den Erfolg des Produkts?
  • Wie unterscheidet sich das Produkt von bereits bestehenden Produkten – sowohl von denen der Konkurrenz als auch von denen des eigenen Unternehmens?  Mit anderen Worten: Was sind die Alleinstellungsmerkmale des Produkts?
  • Welches sind maximaler Budget- und Zeit- Rahmen zur Entwicklung und Fertigstellung des Produkts?

Die Antworten auf diese Fragen erlauben außer der Erschaffung einer Projektvision üblicherweise auch die Erstellung eines Business Case.

Der in der agilen Projektmethodik vorhandene Product Owner ist verantwortlich für den Erfolg des Produkts. Je innovativer und komplexer das Produkt ist, desto wichtiger ist die Produktvision. Auf seine Initiative hin, sollte daher auch die Produktvision entstehen.

Das Herz davon bilden die Kundenbedürfnisse und die Weise, in der das Produkt diese befriedigt.

Nach der Beantwortung oben aufgeführter Fragen, ist es leicht, folgende 4 Schritte zu durchlaufen:

1) Definition der Zielkunden

2) Identifikation der Kundenbedürfnisse – den Engpass beim Kunden finden.

3) Entscheidung über Markt / Marktsegment

4) Identifikation der Produktattribute (kritische High Level Requirements zur Erfüllung der unter Punkt 2 genannten Kundenbedürfnisse)

5) Definition des Werts des Produkts für den Kunden

Schon ist der Kern der Produktvision gefunden: Jetzt setzt der kreative Prozess der konkreten Formulierung ein.

Gedanken zur Projektvision

Doch Vorsicht vor Visionsänderungen! Diese stehen häufig in Zusammenhang mit Kundenbedürfnissen, verursachen aber in der Folge gern Konfusion, Demotivation im Team und nicht selten das Scheitern des gesamten Projekts. Kleinere Änderungen sind an der Tagesordnung und auch kein Problem, solange die Produktvision im Kern (der zuvor definierte Kundennutzen) unverändert bleibt.

Meiner Meinung nach gibt es für Projekte kaum weitere und so starke Stellschrauben wie eine gut durchdachte Produktvision: sie bietet dem Team eine Art Fahrbahnmarkierung auf dem Weg zum Ziel und stellt darüber hinaus Management und Kunden auf das gemeinsame Ziel ein.

Die Entwicklung einer Produktvision gehört zu den besten Investments, die für ein Projekt möglich sind.

Leider hat sich das noch nicht wirklich herum gesprochen. Viele Projekte starten direkt nach der Ideenentwicklung in die Realisierung. Die Ergebnisse sind meist desaströs: Die Vorbereitung einer Produktentwicklung lohnt sich und führt zu größerem Erfolg des Produkts, was in direktem Bezug zum finanziellen Ergebnis steht. Das heißt nicht, dass eine Produktentwicklung nun in einem mehrstufigen Wasserfall-Prozess vorbereitet werden soll und dabei jede Menge unnötiger Dokumentationen erstellt werden sollen. Nein – ganz im Gegenteil: es heißt einfach nur so wenig Zeit wie möglich, aber so viel wie nötig in die Entwicklung einer Produktvision zu stecken, die gewährleistet, dass das Team begeistert auf den Weg mitgenommen wird und alle gemeinsam ein Ziel erreichen wollen, hinter dem jeder einen Sinn erkennt!

Zum Abschluss noch etwas nicht ganz Unwichtiges: Eine Vision ist nur dann eine Vision, wenn alle sie kennen!

 

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Über Anke Heines

Vielleicht muss man einen an den Sternen geschulten Weitblick entwickeln (Anke hat als Physikerin in der astronomischen Forschung gearbeitet), um die Arbeitswelt so klarsichtig durchdringen zu können wie Anke das macht. Wertvernichtung, Zeitverschwendung und Bevormundung sind ihr ein Gräuel. Sie setzt dagegen auf Selbstorganisation, Sinn in der Arbeit und Eigenverantwortung. Wenn Anke in Unternehmen auf Partner trifft, die bereit sind sich in Bewegung zu setzen, ist sie in der Lage, gemeinsam mit ihnen völlig neue Formen wertschöpfender und wertschätzender Zusammenarbeit hervorzubringen. Das hat jüngst die Verleihung des Sonderpreises des New Work Award an den von ihr betreuten Maschinenbauer HEMA bewiesen. Und das hat Anke auch auf die Fahnen Ihrer LEADaktiv UG geschrieben: Wertvolles durch Wandel weiterhin wertvoll erhalten.
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